?????  Luftgewehr-Geheimnisse  ?????
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VORBEMERKUNG:

Ein Luftgewehr schießt mit Luft, daher heißt es Luftgewehr. Genau genommen ist es komprimierte Luft, die durch das Komprimieren Energie gespeichert hat, die dann bei der Schußabgabe das Diabolo aus dem Lauf treibt. Das ist richtig so, wenn wir es für eine vorgeladene Preßluftwaffe anwenden. Bei einem Federkolbenluftgewehr kann das aber durchaus anders sein, aber die wenigsten LG-Schützen wissen das. Es gibt eine Bibel für LG-Fans: G. V. Cardew & G. M. Cardew: The Airgun from Trigger to Target. Die beiden Autoren (Vater und Sohn) haben viele Experimente mit LGs gemacht und sind in einer ganzen Reihe von Fällen zu erstaunlichen und neuen Ergebnissen gekommen. Leider liegt dieses Buch nur in englischer Sprache vor, aber eigentlich ist es ein MUSS für jeden ernsthaften LG-Schützen. Eine der verblüffendsten Feststellungen läßt sich vereinfacht so ausdrücken: "das Federkolbenluftgwehr ist eine sehr komplizierte Maschine". Das ist nicht ganz leicht einsichtig, wenn man nur auf die Konstruktion schaut und diesen Satz nur auf ganz "normale" LGs bezieht. Komplizierter als man denkt, ist aber die Funktion dieser Geräte. Die Herren Cardew haben dies in ihrem Buch als Kapitel 2 "Die vier Phasen" genannt, und ich halte diese Informationen für wichtig genug, um sie hier zu erklären. Hierbei werde ich keine wörtliche Übersetzung dieses Textes liefern, sondern eine zusammenfassende Darstellung der wichtigsten Fakten in meinen Worten geben. Details kann man dem Buch entnehmen.

DIE GEHEIMNISVOLLEN VIER PHASEN:

Die Grunderkenntnis ist, daß ein Federkolbenluftgewehr in jeder von vier distinkten Phasen arbeiten kann. Es sind dies die "Blasrohrphase", die "Korkengewehr-Phase", die "Verbrennungsphase" und die "Detonationsphase".

Die Blasrohrphase tritt bei schwachen Luftdruckwaffen auf, bei denen ein Bolzen oder eine Blei- bzw. Stahlrundkugel relativ locker im Lauf sitzt. Tatsächlich ist es so, daß viele BB-Rundkugel- LGs oder LPs keine gezogenen Läufe haben, in denen die Kugeln z. B. durch einen kleinen Magneten vor dem Herausfallen gesichert werden. Weil in einem solchen Fall das Geschoß den Lauf nicht vollständig abdichtet, kann der vorschnellende Federkolben nicht genügend Druck aufbauen, um eine höhere Geschoßgeschwindigkeit zu erzielen. Die Waffe funktioniert also wirklich wie ein Blasrohr. Dies gilt nur für sehr schwache Luftdruckwaffen und für Softair-Pistolen. Die Blasrohrphase ist daher hier nicht von großer Bedeutung. Immerhin: man kann mit diesem Prinzip allerhand anfangen, wenn man an die Blasrohrkünste südamerikanischer Indianer denkt.

Die Korkengewehrphase kann man derart beschreiben, daß ein Diabolo den Lauf weitgehend abdichtet und beim Abschießen ausschließlich von Luftdruck aus dem Lauf getrieben wird. Spätestens hier wird man stutzig werden und fragen: "ja wie denn sonst?". Und das ist genau der Punkt: da gibt es tatsächlich noch etwas! Immerhin: Die meisten Präzisions-Federdruckgewehre für die 10 m-Distanz arbeiten nach diesem Prinzip. Der Vergleich mit einem Korkengewehr hinkt auch nur insoweit, daß bei diesem der Korken vorne in die Mündung gestopft wird. Sonst ist aber alles im Funktionsablauf gleich: Der Federkolben komprimiert beim Vorschnellen Luft, die an einem bestimmten kritischen Punkt das Diabolo in Bewegung setzt und aus dem Lauf treibt. Natürlich erwärmt sich die Luft bei der Kompression auch, und dies führt zu einem weiteren Druckanstieg. Wenn das Geschoß aber dann durch den Lauf getrieben wird, kühlt die Luft hinter diesem wieder ab und der zusätzliche Druck geht wieder verloren. Das Diabolo erhält seine Bewegungsenergie also hier ausschließlich von dem sich nach vorn bewegenden Federkolben. Auch diese Waffen gehören zu den "schwachen", doch das Korkengewehrprinzip ist kalkulierbar und technisch perfekt beherrschbar.

Die Verbrennungsphase beschreibt das Funktionsprinzip der meisten Federkolben-LGs mit höherer Mündungsenergie. Wenn der Kolben durch die starke Feder schnell nach vorn getrieben wird, steigt die Temperatur der Luft vor ihm mit dem Druck an. Diese Temperatur ist so hoch, daß Öl oder jede andere brennbare Substanz entflammt wird, was einen weiteren Druckanstieg zur Folge hat. Hierdurch wird das Diabolo mit hoher Geschwindigkeit aus dem Lauf getrieben. Weil diese Verbrennung durch die bei der schnellen Kompression der Luft entstandene hohe Temperatur verursacht wird, nannten die Herren Cardew diese Phase zuerst "Dieselmotorphase". Dies scheint auf den ersten Blick auch ein guter Vergleich zu sein, doch er führte zu Komplikationen bei der Definition der nächsten, noch zu besprechenden Phase. Immerhin: nach dieser Erklärung ist ein solches LG wirklich eine "Feuerwaffe", wobei die Verbrennung eines Schmierstoffes die Verbrennung von Schießpulver ersetzt. Auf den ersten Blick ist das nur schwer vorstellbar, doch man wird den experimentellen Beweis dafür erhalten, daß dies alles stimmt. Es ist auch klar, daß die Verbrennung davon abhängt, wieviel Schmieröl verbrannt werden kann, so daß der ganze Prozeß mit gewissen Unwägbarkeiten verbunden ist, die aber die geringere Präzision solcher Waffen im Vergleich mit den nach dem Korkengewehr-Prinzip arbeitenden Match-LGs erklären. Dies bedeutet alles aber nicht, daß man Öl in den Transfer-Port schütten soll, denn dies kann üble Folgen haben. Es steht fest, daß Weitschußluftgewehre in ihrer Leistung nachlassen, wenn der Federkolben nicht von Zeit zu Zeit eine ausreichende Schmierung erhält. Dies ist kein Dichtungsproblem, sondern eine Problem des weniger werdenden Brennstoffs! Skeptisch? Abwarten!

Die Detonationsphase ist schwer zu analysieren, weil sie nicht häufig auftritt. Wenn sie das aber tut, kann dies in einem Desaster enden und wenn man sie experimentell herbeiführt, ruiniert man meist das LG. Soweit diese Phase verstanden wird, resultiert sie daraus, daß eine gewisse kritische (Über-) Menge an Brennstoff in der Kompressionskammer vorhanden sein muß, die in einer stärkeren Verbrennung mit sehr hohen Temperaturen resultiert. Diese setzt dann offenbar eine Art Kettenreaktion in Gang, die den gesamten Rest an Brennbarem explodieren läßt. Hierbei wird dann unkontrolliert eine große Menge Eneergie freigesetzt. Jetzt wird klar, warum ich im letzten Absatz vor Öl in der Kompressionskammer gewarnt habe. Es gibt "Experten", die die Wahnsinnsidee propagieren, ein LG mit einem Tropfen Äther im Kompressionsraum "hochzupowern". Dies ist nicht nur illegal, sondern auch höchst gefährlich und man sollte im eigenen Interesse seine Finger von solchen Spielen lassen. Der etwas harmlosere Fall der Detonationsphase ist das sog. "Dieseln" eines LG, das dann auftritt, wenn man zu reichlich geölt hat. Man merkt es an dem deutlich lauteren und scharfen Knall; außerdem riecht es verbrannt und Rauch steigt aus der Mündung. Manchmal fliegen auch Funken (meist verbrennende Abriebteilchen von der Dichtung) aus dem Lauf. Meist geht das "Dieseln" gut aus, doch in kritischen Fällen wird durch die Explosion der Federkolben zurückgeworfen, wobei er die Feder oder sich selbst beschädigen kann. Die Dertonationsphase ist auch der Grund, warum man keine eingeölten Diabolos in Federkolben-LGs verwenden sollte. Zu leicht könnte so Öl in denTransfer-Port kommen und dort explodieren. Der Ausdruck "Dieseln" wird auch hier der Sache nicht ganz gerecht, weil ein Dieselmotor kontrolliert arbeitet.

Diese 4 Phasen müssen nicht immer getrennt auftreten, sondern können in einem LG für kurze Zeiten nacheinander vorkommen. Wenn z. B. zu "gut" geschmiert wurde, können die ersten paar Schüsse einer Serie durchaus Detonations-Schüsse sein und dann in Verbrennungsschüsse übergehen. Wenn nicht rechtzeitig neu geölt wird, kann dann die Korkengewehr-Phase eintreten. Und wenn man gar ein zu locker sitzendes Diabolo verwendet, schießt man im Blasrohr-Modus.

Der Skeptiker mag jetzt denken: "wer's glaubt, der glaubt's". Das taten auch die kritischen Herren Cardew und machten das sog. Stickstoff-Experiment. Hierzu ergriffen sie ein Weihrauch HW35 im Kaliber .22, nahmen es auseinander, entfetteten die Teile gründlich und bauten es wieder zusammen, wobei sie überkorrekt überall dort schmierten bzw. ölten, wo es notwendig ist. Dann wurde es eingeschossen, bis der Chronograph zuverlässig eine Mündungsgeschwindigkeit von 199 m/sec anzeigte, was mit einem 14,4 Grain-Diabolo ca. 17,5 Joule Mündungsendergie bringt. Danach wurde der Schaft abmontiert und die Waffe zusammen mit einer ausreichenden Menge Diabolos in einen Plastiksack gepackt, der für 30 Minuten an eine Vakuumpumpe angeschlossen wurde, um auch wirklich letzte Luftreste aus der Dichtung und anderen möglichen Teilen zu entfernen. Anschließend wurde der Sack luftdicht verschlossen und mit Stickstoff gefüllt, der ja als inertes Gas keine Verbrennung erlaubt. Der mit einem Gummistopfen verschlossene Lauf ragte aus dem Sack heraus, war aber sicher abgedichtet. Dann wurde eine Schußserie durchgeführt, wobei naturlich vor dem Schuß der Gummistopfen entfernt und danach wieder eingesteckt wurde. Ergebnis: die Mündungsgeschwindigkeit lag nur noch bei ca. 130 m/sec, was einer Eo von von ca. 7,9 Joule entspricht. Wieder aus dem Sack entlassen, brachte das gute HW35 wieder locker seine vorherige Leistung. Überzeugt?
 

 

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